Die Algebra des Omar Khayyam's
Der Höhepunkt in der Entwicklung der östlichen Algebra
wird in der "Algebra" des Omar Khayyam erreicht.
Der volle Titel seiner "Algebra"
lautet: "Über die Beweise für die Probleme von
al-jabr und al-muqabalah". Darin beschäftigt er sich
systematisch mit der Auflösung algebraischer Gleichungen
bis zum dritten Grad. Die Aufgaben der Algebra beschreibt Omar
Khayyam so:
"Ich sage, daß die Kunst des al-jabr und al-muqabalah
jene mathematische Kunst ist, deren Gegenstand die reine Zahl
und die meßbare Größe ist, sofern sie zwar unbekannt
ist, aber mit Hilfe der Addition zu einer bekannten Größe
gefunden werden kann...."
Es wird also die Algebra als Lehre vom Auflösen von Gleichungen
zwischen Polynomen mit positiven ganzzahligen Koeffizienten verstanden.
Als gesuchte Größen können positive ganze Zahlen
oder auch Strecken, Flächen, Körper und Zeit (also "kontinuierliche"
Größen) auftreten. Dementsprechend unterscheidet Omar
Khayyam numerische und geometrische Lösungsverfahren. Er
bemerkt weiter, daß im Fall von Gleichungen bis zum zweiten
Grad die numerische Lösung aus der geometrischen Konstruktion
folgt ("wie man mit Hilfe der "Elemente" und "Data"
des Euklid beweisen kann").
Für Omar Khayyam bedeutet die Auflösung von Gleichungen
das Auffinden einer positiven reellen Lösung. Für die
Gleichungen dritten Grades, die sich nicht mittels Division durch
die Unbekannte auf Gleichungen zweiten Grades zurückführen
lassen, gelingt ihm dies durch Angabe einer geometrischen Konstruktion
unter Verwendung von Kegelschnitten. (1837 zeigte P.L. Wantzel,
daß eine Lösung unter alleiniger Verwendung von Zirkel
und Lineal nicht möglich ist.)
Omar Khayyam bemühte sich auch, ein numerisches Lösungsverfahren
für kubische Gleichungen zu finden, allerdings vergeblich.
Er bemerkt dazu:
"Der Beweis dieser Formel für den Fall, daß der
Gegenstand der Aufgabe eine absolute Zahl ist, ist weder für
uns noch für irgendeinen anderen von denen, die diese Kunst
beherrschen, möglich. Es könnte sein, daß jemand
von denen, die nach uns kommen, dies erfahren wird ..."
Wie wir noch sehen werden, fanden erst die italienischen Algebraiker
der Renaissancezeit ein numerisches Auflösungsverfahren für
kubische Gleichungen.
Bevor wir die Gedanken Omar Khayyams nachvollziehen, wollen wir
noch eine Frage klären:
Warum kamen die Mathematiker jener Zeit überhaupt auf den Gedanken,
Gleichungen dritten Grades systematisch zu untersuchen? Einen Hinweis
dazu gibt uns Omar Khayyam selbst, der in seiner "Algebra"
schreibt:
"Eine der mathematischen Operationen, die man in jenem Zweig
der Philosophie benötigt, der als mathematischer bekannt ist,
ist die Kunst al-jabr und al-muqabalah."
Diese wurde zur Bestimmung von numerischen und flächenhaften
Unbekannten erdacht . Dabei treten Fälle auf, für die
man sehr schwierige vorbereitende Sätze benötigt , die
von den meisten Menschen, die diese Fälle betrachten, nicht
bewiesen werden können. Auf die Alten können wir diesbezüglich
nicht zurückgreifen. Vielleicht haben sie bei ihrem Studium
diese nicht bemerkt, oder sie wurden bei ihren Untersuchungen
nicht zu deren Diskussion gezwungen, oder ihre diesbezüglichen
Abhandlungen wurden nicht in unsere Sprache übersetzt.
Von den späteren Wissenschaftlern hatte al-Mahani die Idee,
die Vorkenntnisse, die Archimedes in der vierten Figur des zweiten
Buches seiner Abhandlung über Kegel und Zylinder" als
gegeben voraussetzte, mit den Methoden von al-jabr zu analysieren.
Dabei kam er bis zum Fall der Gleichung von Kuben, Quadraten und
Zahlen. Aber al-Mahani war nicht erfolgreich im Auffinden einer
Lösung - auch nicht nach vielem Nachdenken. So kam er zum Schluß,
daß diese Gleichung
"unmöglich zu
lösen sei, und niemand fand sie bis Ibn Ja'far al-Khazin
, der sie mittels Kegelschnitten löste ..."
Bei dem erwähnten Problem des Archimedes handelt es sich
um folgende Aufgabe: Man bestimme eine Ebene, die eine Kugel so
teilt, daß die Volumina der Kugelabschnitte in einem vorgegebenen
Verhältnis stehen.
Die Aufgabenstellung wird
in Abb. 111.1 für eine Kugel mit dem Radius a veranschaulicht.
Sei
, so
erhalten wir (in moderner Schreibweise):
was auf die Gleichung
führt. Durch geeignete Substitution reduzierte Archimedes
die Lösung des Problems auf die Lösung der Gleichung
dritten Grades der Form:
Die Lösung dieser Gleichung durch Archimedes war lange Zeit
verschollen. Erst Eutokios (6. Jahrhundert) fand ein Fragment,
das offensichtlich die Lösung des Archimedes angab. Obige
Gleichung wurde darin durch den Schnitt der Parabel
und
der Hyperbel (c - x)y = cd gelöst.
Weiters ergab ja auch das Problem der Würfelverdoppelung
eine Gleichung dritten Grades. Neben diesen Problemen der griechischen
Mathematik führten auch einige Untersuchungen östliche
Mathematiker in Geometrie (wie etwa die Bestimmung der Seite eines
regelmäßigen Neunecks durch al-Biruni, einem Mathematiker,
Astronomen und Geographen des 11. Jahrhunderts) und Physik auf
Gleichungen dritten Grades. Ibn al-Haitam (um 1000) stieß
bei seiner Beschäftigung mit der Optik auf das Problem, eine
Gleichung vierten Grades zu lösen. Deren Lösung fand
er mit Hilfe des Schnittes eines Kreises mit einer Hyperbel.
Die Vielzahl von Problemen, die auf kubische Gleichungen führen,
erweckte das Bedürfnis nach einem systematischen Auflösungsverfahren.
Die Herleitung eines derartigen Verfahrens wurde in der Algebra
des Omar Khayyam angepackt. Zunächst gliederte Omar Khayyam
die von ihm betrachteten Gleichungen bis zum Grad 3 in 25 kanonische
Typen. Diese Typen ergaben sich daraus, daß er nur positive
Koeffizienten nur, additiv verknüpfte und überhaupt
nur solche Gleichungen betrachtete, die mindestens eine Gleichung
als Beziehung zuläßt, die einzelnen Terme positive
Lösung besitzen. offensichtlich stellt sich Omar Khayyam
die betrachteten Gleichungen zwischen den Volumina von Körpern
bzw. den Inhalten von Flächen vor (deshalb kann die Zahl
0 auch nicht als Koeffizient auftreten). [Diese griechische Denkweise
geht auch aus einer Bemerkung aus der "Algebra" hervor,
in der beispielsweise bei der Gleichheit dieser Zahl dieser betonte,
daß einer Fläche und eine Zahl als Rechteck aufzufassen
sei, dessen eine Seite die Zahl und dessen andere Seite die Zahl
1 ist. Eine Gleichung kann also nach Omar Khayyam nur eine Beziehung
zwischen dimensionsgleichen Größen sein. Jede Gleichung
wurde vor Beginn der Lösungskonstruktion mittels elementargeometrischer
Sätze in eine solche homogene Form gebracht. So wurde zum
Beispiel die Gleichung
in
transformiert.
Die 25 kanonischen Typen von Gleichungen von höchstens drittem
Grad wurden nun nach der Anzahl der Terme in drei Klassen eingeteilt,
wobei in jeder Klasse sämtliche Möglichkeiten (unter
den oben erwähnten Einschränkungen) angeführt wurden.
Bezeichnet man mit a, b, c stets positive Zahlen, so kann man
die Einteilung des Omar Khayyam wie folgt angeben (in moderner
Schreibweise):
Nicht "zusammengesetzte" Gleichungen; also solche, in
denen nur zwei Terme auftreten:
Aus drei Termen zusammengesetzte Gleichungen:
Aus vier Termen zusammengesetzte Gleichungen:
Die Lösung von Gleichungen von höchstens zweitem Grad
findet sich schon bei al-Khwarizmi. Die restlichen 14 Typen ((3),
(13)-(25)), also alle Gleichungen 3. Grades, die eine positive
reelle Wurzel haben und sich nicht auf Gleichungen kleineren Grades
zurückführen lassen, werden von Omar Khayyam mittels
Kegelschnitten gelöst.
Wir wollen nun eines der
Lösungsverfahren des Omar Khayyam, nämlich das für
die
Gleichung
(also für die Auffindung einer positiven Wurzel der Gleichung)
vorführen. Er schreibt dazu
"Die erste Art der Gleichungen mit vier Termen ist: Ein Würfel
plus Quadrate plus Seiten ist gleich einer Zahl.
Wir zeichnen
,
um die Seite eines Quadrats darzustellen, das gleich der gegebenen
Anzahl der Seiten ist, und konstruieren einen Quader, dessen Grundfläche
das Quadrat
von ist, und dessen Volumen gleich der gegebenen Zahl ist. Sei
dessen Höhe
."
In diesem ersten Lösungsschritt homogenisiert Omar Khayyam
zunächst die zu lösende Gleichung
. Er bildet q =
so,
daß
=
c, und denkt sich einen Quader konstruiert, dessen Grundfläche
ein Quadrat mit Seitenlänge q ist und der das Volumen d besitzt.
Bezeichnen wir die Länge der Höhe
des Quaders mit p, so gilt also d =
p, also p =
.
"Wir
zeichnen
senkrecht
zu.
Weiters zeichnen wir
gleich der gegebenen Anzahl der Quadrate auf der Verlängerung
von
und
konstruieren über
als Durchmesser einen Halbkreis DZG, und vervollständigen
die Fläche BK, und zeichnen durch den Punkt G eine Hyperbel
mit den Geraden BH und HK als Asymptoten. Diese wird den Kreis
im Punkt G schneiden, denn sie schneidet die (zum Kreis) tangentiale
Gerade, d.h. GK. Sie muß daher den Kreis in einem anderen
Punkt schneiden. Möge diese den Kreis nun in Z schneiden,
dessen Lage dann bekannt ist, da die Lage des Kreises und des
Kegelschnitts bekannt ist. Von Z zeichnen wir Senkrechte
und
auf
und
."
In diesem zweiten Schritt konstruiert Omar Khayyam eine Figur,
die er im folgenden analysiert. In dieser Zeichnung treten die
einzelnen Koeffizienten der zu lösenden Gleichung
an folgenden Stellen auf:
= b,
=
p,
=
= q. Ziel der folgenden Ausführung ist es, zu zeigen, daß
die Strecke
eine Lösung der gegebenen Gleichung ist.
"Daher ist (nach Konstruktion) die Fläche ZH gleich
der Fläche BK."
Die Fläche ZH ist gegeben
durch
.
, und die
Fläche BK ist gleich
.
Die Gleichheit der beiden Flächen ergibt sich somit unmittelbar
aus der Eigenschaft der konstruierten gleichseitigen Hyperbel
(G und Z liegen ja auf der Hyperbel).
"Nun ist die Fläche HL beiden Flächen gemeinsam.
Es ist also (nach Subtraktion von HL) die Fläche ZB gleich
der Fläche LK. Also ist das Verhältnis von
und
gleich
dem Verhältnis von
und
, denn
ist gleich
, und ihre
Quadrate sind auch proportional."
Die Fläche ZB ist gegeben
durch
.
und gleich
der Fläche LK, die man durch
darstellen kann. Nun ist
gleich
, also erhält man die Proportionen
:
=
:
, woraus
:
folgt.
"Aber das Verhältnis
des Quadrats von
zum Quadrat von
ist gleich dem Verhältnis von
zu
, wegen
des Kreises. Daher ist das Verhältnis des Quadrates von
zum Quadrat von
gleich dem Verhältnis von
zu
."
Aus dem Satz von Thales
und dem Höhensatz erhält man sofort
=
.
Dies ergibt die Proportion
:
=
:
.
Mit der oben abgeleiteten Proportion gilt:
:
=
:
. Diese
Proportion wird nun in geometrischer Sprache ausgedrückt:
"Daher ist der Quader,
dessen Grundfläche das Quadrat über
ist
und dessen Höhe
ist,
gleich dem Quader, dessen Grundfläche das Quadrat über
und dessen
Höhe
ist. Aber dieser letztere Körper ist gleich dem Würfel
über
vermehrt um den Quader, dessen Grundfläche das Quadrat über
und dessen
Höhe
ist, die gleich der gegebenen Anzahl der Quadrate ist."
Somit wurde gezeigt, daß
gilt:
.
"Nun addieren wir den
Quader, dessen Grundfläche das Quadrat von
und dessen Höhe
ist, die gleich der gegebenen Anzahl der Wurzeln ist. Daher ist
der Quader, dessen Höhe
ist, und den wir gleich der gegebenen Zahl gemacht haben, gleich
dem Würfel über
vermehrt um einen Quader, mit einer Grundfläche, die gleich
der Anzahl der Seiten ist, und mit der Höhe
,
und vermehrt um einen Quader, dessen Grundfläche das Quadrat
über
und dessen Höhe
, die gegebene Anzahl der Quadrate, ist. Und das ist es, was wir
zeigen wollten."
Es wird also auf beiden
Seiten der Gleichung
der Ausdruck
addiert. Es gilt also:
d.h.
Die Strecke
erfüllt also jene Gleichung, die wir lösen wollten.
Omar bemerkt, daß er stets eine vollständige Analysis
geben wolle, sich dabei aber kurz fasse, weshalb er nicht zu jedem
Beispiel ein Zahlenbeispiel angegeben habe. Er "beschränke
sich auf die Darlegung der allgemeinen Regel und setze Vertrauen
in den Verstand des Lernenden, damit der, der sich diese Abhandlung
vorstellen kann, nicht durch spezielle Beispiele und die zugehörige
Auswahl aufgehalten wird ..."
Nach Untersuchung der 25 Gleichungstypen werden Gleichungen betrachtet,
die negative Potenzen der Unbekannten enthalten und sich auf die
vorhergehenden Gleichungstypen zurückführen lassen.
Khayyam hat seine mathematische Gleichungen
etwa 500 Jahre bevor die abendländliche Mathematiker zu
den selben Ergebnissen kamen aufgestellt, was zeigt, zu welcher
Vollendung die Algebra durch ihn zu seiner Zeit gebracht wurde.
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