Von 'Cyrus Atabay' 1984
In seinen Versen bediente sich Khayyam der
Form des Robai. Das Robai, plural Robaiyat,
ist eine zweizeilige Stanze persischer Poesie, jede Zeile in zwei
Halbzeilen geteilt, die zusammengenommen vier Zeilen ergeben,
darum der Name Robai, ein arabisches Wort, das soviel wie 'Viertelspiel'
bedeutet. Die erste, zweite und letzte der vier Halbzeilen müssen
sich reimen, die dritte ist reimlos.
Der Aufstieg des Robai fiel zusammen mit
der Schwächung der weitschweifigen und sehr künstlichen
Lob- und erzählenden Gedichte mit einem sich wiederholenden
Reim. Die persische Dichter waren arabischen Modellen gefolgt,
in denen monorhythmische Gedichte vorherrschten. Die Abweichung
von dem herkömmlichen Muster, gepaart mit der Kürze,
ist ohne Zweifel einer der Gründe, warum diese Versform im
Nordosten Persiens des 11. und 12. Jahrhunderts so beliebt war,
die Zeit Khayyams und mancher berühmter Vierzeiler, die überdauert
haben.
Das Robai gab der Unmittelbarkeit mehr Raum.
Es hatte nicht den Umfang der Gedichte, in denen von Hofdichtern
erwartet wurde, ihren Scharfsinn zur Schau zu stellen. Seine Stärke
lag in der Fähigkeit, eine bündige und wirksame Aussage
zu machen. Eine epigrammatische Form, besteht das Robai im allgemeinen
aus einem meditativen und reflektierenden Anfang, dessen Moral
in die letzte Zeile geklammert wird. Der persische Dichter Saeb
formulierte das so:
''Im Robai stösst die letzte Zeile ins Herz''.
Die Beliebtheit des Robai erklärt sich
nicht nur aus dem Überdruss an langen Hofgedichten mit ihrer
sorgfältig ausgearbeiteten Reihenfolge von Liebesschmerz,
die schliesslich in Lob eines Sultans oder einer Standesperson
überging.
Persische Dichter behandelten diese traditionelle Kunst der Panegyrik
mit einer Fertigkeit, die sie in den Stand setzte, die sie erfindungsreich
zu veriieren, freilich um den Preis zunehmender künstlicher
Diktion.
Das Volk brauchte etwas mehr Direktes und
Einfaches. Die Dichter suchten Formen des Ausdrucks, in denen
sie ihre Anschauungen und Zweifel nicht mehr unterdrücken
mussten. Vierzeiler wurden geschrieben, weder in der Hoffnung
auf das Lob eines Machthabers, noch in der Furcht auf seinen Zorn,
falls das Gedicht anstosserregend war; sie zirkulierten anonym
und drückten häufig Kritik aus an fanatisch aufgezwungene
Verbote und Doktrinen.
Ein Robai konnte leicht auswendig gelernt
und imitiert werden. Es konnte bei Zusammenkünften von gleichgesinnten
Freunden rezitiert werden, sowohl zur Unterhaltung als auch zur
Befreiung von Unterdrückung durch vertraulichen Spott an
pharisäisch beibehaltenen Dogmen. Die Heuchelei wurde verspottet,
wie in diesem vernichtenden Vierzeiler Khayyams:
O starrer Rechtsgelehrter, unsere Arbeit
ist besser als deine
trotz unserer Trunkenheit sind wir nüchterner als du:
Du trinkst Menschenblut, wir das des Weins,
gib's zu- wer von uns ist blutdürstiger?
Wenn man bedenkt, dass das
islamische Gesetz das Verbot von Wein und Trunkenheit einschliesst,
wird begreiflich, warum so viele Vierzeiler häretisch waren.
So wurde das Robai die beliebteste Versform von intellektuellen,
jenen Philosophen und Mystikern, die in mancher Hinsicht Nonkonformisten
waren, dem religiösen Fanatismus entgegentraten, so dass
man sie bisweilen die Freidenker des Islams genannt hat.
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