Ein Vorwort von Walter von
der Porten geschrieben 1927
In wildem Ansturm überrannten kurz nach dem Tode Mohammads
die Horden ungezügelter Araberstämme das alte, hochzivilisierte
Persien. Mit sich ins Land brachten sie den glühenden Fanatismus
der neuen Religion, die noch roh und unbeholfen nach Ausgleich
tastete; und die Feuer des alten Zoroastertums brannten nieder
zu Asche.
Verbannt und geächtet ward der
Wein; die frohen Lieder der persischen Sprache verstummten, kalt
wie das Quellwasser, trocken wie der Wüstensand, flach wie
die unabsehbaren Ebenen, so musste der Islam der Wüstenkinder
die künstlerischen, heiteren Iranern anmuten; und sie schwiegen
durch Jahrhunderte hindurch. Langsam aber vollzog sich eine Wandlung.
Unter dem Einflusse von Männern iranischer Ursprungs, die
jedoch arabisch sprachen, änderte sich allmählich die
Religion des Islams, verlor ihre Starrheit und warf sich in das
Kampfgewühl des philosophischen Streitens.
Im Norden zuerst, also dort, wo durch die grosse Entfernung sich
der Einfluss Arabiens am wenigsten fühlbar gemacht hatte,
tauchte wieder die persische Sprache in Wort und Schrift auf,
nicht aber ohne aus dem Arabischen viele Wörter entlehnt
zu haben.
Schüchtern zuerst lösen sich die Iraner los von dem
strengen Islam, der sie fesselt. Im Mystizismus und in der Lyrik
suchen sie ihre Zuflucht. Aber bald heben sie sich heraus, und
als ob sie selbst den Jubel empfänden, in ihrer eigenen Sprache
wieder singen und dichten zu können, erfüllen sie die
Welt mit ihren Liedern, voll schmelzender Melodien und lieblicher
Bilder.
In bunter Reihe ziehen sie vorüber:
Ferdowsi, der grosse Epiker, der Persiens alte Geschichte besingt;
Hafez, der grösse Lyriker aller Zeiten; Nezami, der das rührendste
Liebeslied der Menschheit gesungen; Saadi, der Moralist; Dschami,
der Mystiker und Omar Khayyam, der grosse Gelehrte, Astronom,
Mathematiker und Dichter.
Khayyams Auge hat hinausgespäht
in die Welt der Gestirne und die Ordnung der Natur bewundert.
Er hat den Vergleich angestellt mit dem Leben der Menschen; nach
einem Wege gesucht, Himmel und Menschentum von einem Gesichtswinkel
aus zu sehen, und er war stark und wahrheitsliebend genung, sich
einzugestehen und der Menschheit zu verkünden: " Ich
habe es nicht gekonnt", und weiter ihr zugerufen: "Geniesse,
wer nicht glauben kann."
In unzähligen Versen, in mannigfachsten Bildern lädt
er immer wieder seine Mitmenschen ein, sich zu vergegenwärtigen,
wie kurz das Leben sei, wie viel Leid es mit sich bringe, doch
auch, wie schön die Welt sei.
Aber er steht in Kampf mit
den Klerikern seiner Zeit, herausfordernd stellt er die Frage:
Warum sind Sünde und Gebrechen in der Welt?
Der ringende Philosoph ruft aus:
Er soll die Erde und
den Himmel neu erbauen,
Und zwar sogleich, dass meine Augen es noch schauen,
Dann meinen Namen vor des Lebens Liste streichen,
Wenn nicht, soll er mich schützen vor der Notdurft Grauen.
Diese Vierzeiler entstammt
der Kalkuttaer Handschrift und zeigt am drastischsten, wie sehr
er unter der Erkenntnis der Unzulänglichkeit des Erdgeschehns
gelitten hat.
Aber sein Humor hilft ihm über schwere Stunden hinweg.
Das ist so wenig von anderen beachtet worden, die immer wieder
seinen Pessimismus betonen, dass ich besonders hierauf hinweisen
möchte und einen Vers wiedergebe:
Zu einer Ente sprach
ein Fisch erregt:
"Weh, wenn der Wind das Flussbett trockenfegt."
Sie drauf: "Mag
meinethalben Wein drin fliessen.
Was tut's, wenn wir gebraten und zerlegt."
Ebenso der bekannte Vierzeiler,
der so häufig zitiert worden ist:
Omar besucht mit anderen eine alte Schule; ein Esel weigert
sich halsstarrig, in den Hof zu gehen. Omar tritt zu dem Esel
heran und klopft ihm ermutigend auf den Rücken:
Oh du, der sich jetzt
unter Esel mengt,
Dein Ruf ist jetzt durch andrer Ruf verdrängt,
Die Nägel jetzt ein Huf zusammenzwängt,
Der Bart dir jetzt als Schwanz vom Rücken hängt.
Erklärend fügt
er hinzu, dass dies ein alter Esel von Lehrer gewesen ist, der
einer Ermutigung bedürftigt hätte, um in seinen alten
Stall wieder hineinzugehen.
Man darf jedoch keinesfalls hieraus schliessen, dass Omar an
eine Seelenwanderung im indischen Sinne geglaubt hat. Trotz
des Vierzeilers:
Am Tag, an dem dein
Werk steht vor Gericht,
Fällt nur dein Wert der Weisheit ins Gewicht,
Tu gutes Werk, denn du wirst auferstehn
In einer Form, die einem Werk entspricht.
Obwohl er hier die Vorstellung
des Sufiglaubens des 7 Spähren wiedergibt und die geistige
Auferstehung in einer abstrakten platonischen Formenwelt verkündet,
ist es durchaus nicht ausgemacht, dass er selber daran geglaubt
hat. Es gibt zu viele Verse, in denen er sich über Glauben
an Paradies und Hölle, Gnade und Vergebung abweisend und
spöttisch äussert, ebenso wie er dies in Bezug auf
das Kismet tut:
Es sind Begriffe,
die der Mensch erfand.
Ihm waren Hypokriten und
Pharisäer aufs äusserste zuwider, und er ist unermündlich
darin, die Heuchler an den Pranger zu stellen. Ebenso hasst
er es, wenn um Dogmen kleinlich gestritten wird. Z.b. zanken
die Gelehrten seit vielen Jahrhunderten darum, ob der heilige
Koran- wie die Welt - geschaffen sei oder seit Ur-Ewigkeit bestände:
Lass alten Brauch
und mach vom Wort dich frei!
oder:
Ihr streitet, ob die Welt geschaffen, ob urewig,
Und wenn ich geh, was tut', ob neu die Welt, ob alt.
Solange er den Zweck des
Kommens und Gehens nicht einsehen kann, hält er diese Erörterungen
für nicht die Mühe wert.
Sein Wissen war seiner Zeit voraus, und seine philosophischen
Verse sind auch heute noch "moderner" Auffassung entsprechend.
Er sieht die Unzugänglichkeit des menschlichen Wissens
und macht sich über sein eigenes lustig; er sieht die Unzugänglichkeit
des menschlichen Wesens, seine Vergänglichkeit, vielleicht
gerade durch seinen Humor gelangt er zu seiner "carpe diem"
- Philosophie, die er in so vielen Versen besingt.
Gewiss hat alles einen
pessimistischen Anstrich, aber dass er wirklich Pessimist gewesen
sei, kann man wohl kaum behaupten, wie es oft geschehn ist.
Er ist kein Stoiker, er ist Epikuräer.